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280116 BürgermeisterRasante Wochen: Interview mit Dr. Marc Schrameyer über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister Ibbenbürens

Ibbenbüren, 28. Januar 2016. Am 21. Oktober vergangenen Jahres hat Dr. Marc Schrameyer das Amt des Ibbenbürener Bürgermeisters angetreten. 100 Tage Bürgermeister – Anlass, den Stadtchef nach wesentlichen Themen und Erfahrungen zu befragen.

Wenn man Bürgermeister wird, gibt es wahrscheinlich keinen gemächlichen Einstieg in den neuen Job. So etwas läuft rasant an, oder?

Dr. Marc Schrameyer: Korrekt! Bei dem, was in Ibbenbüren derzeit an Themen auf den Nägeln brennt, war das sogar extrem rasant. Es ist viel passiert, vieles ist in Gang gesetzt worden.

Wobei unzweifelhaft die Flüchtlingssituation eines der vorrangigsten Themen ist. Was hat sich getan – und wie stellt sich die Lage aktuell dar?

Dr. Schrameyer: Auch nach meinem Amtsantritt hat sich die Situation der Stadt Ibbenbüren bei der Aufnahme neuer Flüchtlinge nicht wesentlich verändert. Es kamen fortlaufend neue Zuweisungen. In Ibbenbüren leben derzeit 614 Asylbewerber, die dezentral über ganz Ibbenbüren verteilt untergebracht sind. Und es gibt zwei Notunterkünfte mit insgesamt 760 Plätzen, die je nach Anforderung durch das Land belegt sind.

Mit meinem Amtsantritt zusammen fiel die Anfrage der Bezirksregierung Münster, eine neue Notunterkunft am Schwarzen Weg mit 550 Plätzen einzurichten. Dem habe ich, auch vor dem Hintergrund der zeitweisen Entlastung der Stadt bei der regulären Zuteilung von Flüchtlingen, zugestimmt. Unsere Bedingung war allerdings, dass die Verwaltung und Betreuung der neuen Notunterkunft wie bei der bereits vorhandenen durch das Deutsche Rote Kreuz und städtisches Personal erfolgt. Denn dieses Modell hat sich bewährt.

Kann die Stadt Ibbenbüren ihre Aufgaben in puncto Flüchtlinge alleine mit dem vorhandenen Personal stemmen?

Dr. Schrameyer: Nein, definitiv nicht. Das überstiege alle unsere Möglichkeiten. Es wurden in den letzten Wochen – zunächst befristet – 16 zusätzliche Kolleginnen und Kollegen für die Betreuung der Flüchtlinge in allen Bereichen eingestellt, da ohne zusätzliches Personal die Arbeit nicht zu leisten wäre. Im Sozialamt wurde aufgrund einer gesetzlichen Sonderregelung sogar ein bereits pensionierter Kollege kurzfristig reaktiviert. Eingestellt wurden unter anderem Sozialarbeiter und Verwaltungsfachkräfte. Die Refinanzierung dieser Stellen ist über die Kostenerstattungen des Landes gesichert.

Eingerichtet wurde von mir zudem eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe, die sich mit der Frage der weiteren Unterbringung von Flüchtlingen befasst. Die Ergebnisse werden kurzfristig der Politik und dann auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Mit der Flüchtlingsbetreuung steht die Stadt aber nicht allein. In Ibbenbüren gibt es ein gut funktionierendes Netz verschiedener Initiativen, die partnerschaftlich ins Rad greifen. Initiiert wurde von mir insbesondere hierfür die Erstellung einer Internetseite, über die kurzfristig ein umfassender Informationsaustausch zu allen möglichen Themen in Bezug auf unsere Flüchtlinge möglich sein wird. Der Sozialdienst katholischer Frauen sowie das Begegnungszentrum für Ausländer und Deutsche haben die Koordination übernommen. Der SkF wird die Seite inhaltlich betreuen. Erstellt wird sie kostenlos von Mitarbeitern der IVD.

Ibbenbüren ist anerkanntermaßen eine ohnehin sparsame und darüber hinaus gut wirtschaftende Kommune. Dennoch ist die Haushaltslage der Stadt brisant. Was steht hier ganz oben auf Ihrer Tagesordnung?

Dr. Schrameyer: Ibbenbüren hat nach wie vor ein strukturelles Defizit von 4,5 Millionen Euro pro Jahr. Dieses gilt es auch weiterhin abzubauen. Zu diesem Zweck hat der Rat der Stadt Ibbenbüren beschlossen, Berater der Firma Rödl & Partner hinzu zu ziehen, die Sparvorschläge mit der Verwaltung erarbeiten sollen. Inmitten dieses Prozess befinden wir uns derzeit. Es waren zahlreichen Gespräche mit den städtischen Fachdiensten und Beratern zu führen – und weitere stehen unmittelbar bevor.

Dass Ibbenbüren sich bereits in den vergangenen Jahren zahlreiche Sparrunden verordnet hatte, durften auch die Berater feststellen. Viele der klassischen Standardvorschläge der Berater sind bereits in Ibbenbüren umgesetzt. Es wird künftig neben der Umsetzung der Beratervorschläge darum gehen, Effizienzen und Synergien zu heben und die Digitalisierung der Verwaltung – Stichwort eGovernment – voran zu treiben.

Der viel beschworene demografische Wandel dürfte auch vor der Rathaustür nicht Halt machen. Inwiefern stellt er Sie und Ihre Mitarbeiter vor Herausforderungen?

Dr. Schrameyer: Die Verwaltung ist, was die Folgen des demografischen Wandels betrifft, keine Oase der Seligen. Wie könnte sie es bei der allgemeinen Entwicklung auch sein? Der Altersdurchschnitt unserer Mitarbeiter liegt inzwischen bei Ende der Vierzigerjahre.

Allein aufgrund der aus der Altersfluktuation resultierenden Veränderungen im Personalbereich habe ich eine Arbeitsgruppe zur Personalentwicklung eingesetzt. Ihr Ziel ist die Erstellung einer Personalentwicklungsplanung. Auch an dieser werde ich aktiv mitarbeiten.

Wir werden auch noch stärker ein Auge auf die Gewinnung von Nachwuchskräften haben müssen. Hier tut die Stadt Ibbenbüren schon viel, und wir gewinnen immer wieder engagierte, talentierte junge Menschen für uns. Bei vielen Jugendlichen herrscht allerdings eine falsches Bild von der Arbeit in einer Stadtverwaltung. Wer weiß schon, dass bei der Stadt Ibbenbüren neben den klassischen Verwaltungsfachleuten etwa auch Techniker, Informatiker und Bauzeichner arbeiten? Wir bilden Fachangestellte für Bäderbetriebe ebenso aus wie Veranstaltungstechniker oder Straßenwärter. Unser Portfolio zählt aktuell 15 Ausbildungsberufe auf. Das kann sich sehen lassen, ist viel versprechend – und spannend! So viel vielleicht als etwas Werbung in eigener Sache.

Das Aaseebad Ibbenbüren gilt in finanzieller Hinsicht vielen seit Langem als Sorgenkind der Stadt. Wie sind Sie nach Ihrem Amtsantritt an dieses Thema herangegangen?

Dr. Schrameyer: Eingerichtet wurde eine Arbeitsgruppe, die eine Bäderleitplanung für Ibbenbüren als Grundlage zukünftiger Entscheidungen der Politik erstellt. Erste Ergebnisse liegen bereits vor und werden aktuell weiter überarbeitet. Ergebnis dieses Prozesses ist auch ein aktuell gestellter Förderantrag für das Aaseebad Ibbenbüren, mit dem wir Mittel für die technische und vor allem energetische Sanierung des Bades beantragt haben.

In Sachen Strukturwandel und Kohleausstieg sind Ibbenbüren und seine Partnerkommunen in der Kohleregion gut aufgestellt. Was hat sich hier in Ihren ersten 100 Tagen getan?

Dr. Schrameyer: In meine ersten 100 Tage fiel etwa die dritte Regionalkonferenz des laufenden Kohlekonversionsprozesses, den wir bezeichnenderweise mit dem Motto „Gute Aussichten“ versehen haben. Aktuell steht die Erstellung des Projektberichtes auf der Agenda. Parallel habe ich bereits erste weitere Gespräche mit dem RAG-Vorstand und den weiteren Beteiligten in den Kommunen sowie mit dem Kreis Steinfurt und der Bezirksregierung Münster geführt. Themen waren unter anderem die Flächenvermarktung, der Erhalt geschichtsträchtiger Gebäudesubstanz sowie die Fortführung des Konversionsprozesses, da zum Jahresende die aktuelle Förderung endet. Ich bin guter Hoffnung, dass wir mit allen Beteiligten gemeinsam eine weitere Förderung der guten Arbeit der Schnittstelle Kohlekonversion erreichen werden.

Nicht nur in die Guten Aussichten, sondern auch in die Arbeit der Stadtwerke Tecklenburger Land sind Sie als neuer Aufsichtsratsvorsitzender unmittelbar eingestiegen. War es spannend?

Dr. Schrameyer: Das kann man so sagen. Als neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Tecklenburger Land GmbH & Co. KG war es in den letzten Wochen meine wichtigste Aufgabe, die Verhandlungen mit unseren strategischen Partnern über den Netzankauf zu verhandeln, nachdem die Stadtwerke in allen sieben Partnergemeinden die Konzessionen für die Strom- und Gasnetze gewonnen hatten. Diese Verhandlungen waren sehr intensiv, rechtlich und tatsächlich schwierig – und leider auch langwierig. Sie haben aber letztendlich auch zu einem guten Ergebnis geführt.

Endlich etwas zu tun scheint sich am Ibbenbürener Bahnhof. Hier sind Sie nach Ihrem Amtsantritt zügig mit der Deutschen Bahn ins Gespräch gekommen.

Dr. Schrameyer: Der Ibbenbürener Bahnhof soll im Rahmen der 3. Modernisierungsoffensive der Deutschen Bahn barrierefrei und in Teilen auch renoviert werden. Welche weiteren Möglichkeiten bestehen, den Bahnhof zu attraktivieren, wurde in einem ersten Gespräch mit dem zuständigen, neuen Manager der DB AG erörtert. Was wir in dem Treffen vor Ort zu hören bekommen haben, lässt hoffen – endlich einmal. Weitere Gespräche folgen Ende Februar.

Nicht nur Sie als Bürgermeister sind frisch ins Amt gekommen – auch ansonsten hat sich in der letzten Zeit das Personalkarussell bei der Stadt gedreht…

Dr. Schrameyer: Nach dem Ausscheiden Reinhard Holochers als Kultur-Fachdienstleiter und von Dr. Tobias Pischel de Ascensao als Chef der Volkshochschule waren die Stelle der VHS-Leitung und des Kulturamtes neu zu besetzen. Dieses ist mit Cornelia Baumann erfolgt, die am 1. März ihren Dienst antreten wird. Frau Baumann wird die Leitung beider Bereiche innehaben. Mit der Zusammenlegung von VHS und ibbkultur erreichen wir eine bessere Verzahnung der Bereiche und eine engere Zusammenarbeit im Kulturhaus.

Wir haben es eben am Beispiel der Stadtwerke Tecklenburger Land bereits gesehen: Ein Bürgermeister ist automatisch in die Arbeit unterschiedlichster Gremien eingebunden. Hierdurch haben Sie etwa auch mit der Wasserversorgung in der Region zu tun, richtig?

Dr. Schrameyer: Das stimmt, denn seit einigen Wochen bin ich neuer Verbandsvorsteher des Wasserversorgungsverbandes Tecklenburger Land. Ebenfalls ein sehr spannendes Thema. Wasser wird zu einem immer wichtigeren und wertvolleren Gut in unserer Gesellschaft, das es zu bewahren und zu schützen gilt. Nicht nur Klimaschutz und Energie, sondern auch das Thema Wasser wird aufgrund der Entwicklung zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, und wir sind als Kommunen mit dem WTL hier sehr gut aufgestellt.

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