Von gepackten Koffern und abgebrochenen Fingernägeln…

Woran denken Sie, wenn Sie diese Überschrift lesen? An Urlaub, an Sommer, Sonne, Hotel und vielleicht das kleine Malheur, das passieren kann, wenn man am letzten Abend des Urlaubs in bester Garderobe schon fast raus aus der Tür auf dem Weg zum Restaurant ist…? Dann seien Sie gespannt! Auflösung folgt.

Ein Sonnabend im Mai 1969

Es war ein Sonnabend im Mai 1969, der Deutschland verändert hat – auch wenn dafür leider mal wieder eine Tragödie nötig war. Auf seinem Weg vom Schwimmbad nach Hause wurde der achtjährige Björn Steiger von einem Auto angefahren und lebensgefährlich verletzt. Obwohl mehrere Zeugen sofort die Polizei und den Rettungsdienst alarmierten, dauerte es eine geschlagene Stunde, bis ein Rettungswagen am Unfallort eintraf. Der kleine Björn verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Problem: Ende der 60iger Jahre gab es noch keine zentralen Notrufnummern in Deutschland, keine ständig besetzte Leitstelle, keine Koordinierung der Hilfsorganisationen untereinander. Björns Vater nahm den persönlichen Schicksalsschlag zum Anlass, dies zu ändern. Er gründete die Björn-Steiger-Stiftung, mit dem Ziel, die Kommunikation im Rettungsdienstwesen zu verbessern. Mit Erfolg: Seit 1973 gibt es überall in Deutschland die Notrufnummern 110 und 112. Sie gehen auf diese Initiative zurück, ebenso wie eine große Zahl der Notrufsäulen an unseren Straßen.

Das orange Telefon mit Wählscheibe

Ich kann mich noch gut an das orange Telefon mit Wählscheibe erinnern, dass bei uns im Flur stand. Links war in einem kleinem Feld mittig in der Wählscheibe die 112 für „Feuer“ und rechts die 110 für „Notruf“ handschriftlich eingetragen. Einige werden jetzt eifrig nicken, andere vermutlich überlegen, in welcher Zeit das gewesen sein soll. Die Nummern sind uns heute allgegenwärtig und für uns völlig normal. Jedes Kind kennt sie. Aber wissen wir sie noch richtig zu nutzen? Hand aufs Herz und mal ganz ehrlich: Wann würden Sie die 112 wählen? Richtig! Wenn ein akuter, möglicherweise sogar lebensbedrohlicher Notfall vorliegt. Dazu zählen unter anderem:

  • Anzeichen für einen Herzinfarkt (starker Brustschmerz, Atemnot, kalter Schweiß)
  • Anzeichen für einen Schlaganfall (Seh- und Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen)
  • Unfälle mit schweren Verletzungen/hohem Blutverlust
  • Ohnmacht/Bewusstlosigkeit
  • allergischer Schock (Anaphylaxie)
  • starke Schmerzen
  • schwere Verbrennungen
  • Asthmaanfall (anfallsartige Atemnot)

Und wenn man sich nicht ist, ob der Zustand lebensbedrohlich ist oder werden könnte, wählt man auch immer die 112! Den hausärztlichen Notdienst erreicht man bundesweit über die 116117.

Da erlebst du was…

Aber wissen das auch alle? Handeln auch alle so? Früher hieß es, geh zur Marine, da erlebst du was. Heute müsste es heißen: Geh zum Rettungsdienst, da erlebst du was! Und jetzt ahnen Sie vermutlich schon, wie sich die Überschrift dieses Artikels erklärt. Genau. Das sind zwei ganz konkrete Fälle, in denen die 112 gerufen und ein Rettungswagen – natürlich nicht unter Angabe des tatsächlichen Geschehens – angefordert wurde. Ein abgebrochener Fingernagel, einhergehend mit einer kleinen Wunde im Nagelbett wie auch der Weg eines Patienten zum Klinikum für eine terminierte OP waren Anlass, um den Rettungsdienst zu alarmieren. Der Patient mit der OP stand dann auch mit gepacktem Koffer schon an der Straße. Die Begeisterung der Besatzung des Rettungswagens können Sie sich vorstellen. Das sind natürlich keine Notfälle. Derartige Einsätze können aber lebensgefährlich werden – für andere die dringend Hilfe benötigen, da sie unsere Rettungskräfte binden und diese vielleicht nicht rechtzeitig bei denjenigen sein können, die wirklich den Rettungsdienst benötigen.

Rettungsdienst und notärztliche Versorgung

Ibbenbüren hat einen leistungsfähigen Rettungsdienst und eine gute notärztliche Versorgung. Das konnten die Kolleginnen und Kollegen des Rettungsdienstes auch im letzten Jahr wieder eindrücklich beweisen. Insgesamt 13.846 Einsätze waren von Ihnen zu bewältigen. 8.592 mal rückte der Rettungswagen aus, 2.707 mal der Krankentransportwagen und 2.547 mal der Notarzt. Das sind rd. 38 Einsätze pro Tag! Eine immense Belastung für alle Kolleginnen und Kollegen, da gerade auch aufgrund unserer ländlichen Struktur mit langen Fahrwegen, den notwendigen Zeiten zur Vorbereitung der Fahrzeuge für den nächsten Einsatz und der Einsatzdauer selbst keine Zeit zum Verschnaufen mehr bleibt. Und genau deswegen setze ich mich seit Jahren massiv für eine bessere Ausstattung des Rettungsdienstes beim Kreis Steinfurt ein, der Träger des Rettungsdienst ist.

Verbesserte Ausstattung

Dieser Einsatz hatte endlich auch Erfolg. Durch den dritten Rettungswagen, der seit einigen Wochen an der Wache stationiert ist, wie auch durch einen weiteren Krankentransportwagen und zusätzliches Personal konnten wir in den letzten Monaten die Situation an der Wache deutlich verbessern. Aber wir müssen hier weiter ganz eng am Ball bleiben. Die Veränderungen, die mit einer immer älter werden Gesellschaft einhergehen, wie auch die strukturellen Veränderungen in der Gesundheitsversorgung haben seit Jahren steigende Fallzahlen im Rettungsdienst zur Folge. Immer häufiger wird der Rettungsdienst gerufen, immer größer wird die Belastung des Personals. Die technische wie personelle Ausstattung des Rettungsdienstes ist daher fortlaufend perspektivisch an die Bedarfe anzupassen. Dieses ist durch den Kreis Steinfurt als Träger des Rettungsdienstes zu gewährleisten. Der Rettungsdienstbedarfsplan ist jährlich fortzuschreiben, wobei sich dieser an den tatsächlichen Fallzahlen und den Steigerungsraten der Vorjahre zu orientieren hat, um eine zukunftsfähige Versorgung zu gewährleisten.

Null-Toleranz-Strategie

Aber leider erleben die Kolleginnen und Kollegen im Rettungsdienst nicht nur so abstruse Einsätze wie oben geschildert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland Feuerwehrmänner und -frauen und Rettungskräfte angepöbelt oder gar tätlich angegriffen werden. Dem begegnen wir mit einer Null-Toleranz-Strategie. Jede Straftat wird angezeigt und strafrechtlich verfolgt.

So wie ich das sehe, verdient die Arbeit unserer Rettungskräfte größte Anerkennung und Respekt! Und sie verdienen es, dass wir uns für sie einsetzen.

Scroll to Top